Fotos: skynesher/iStock.com, privat

Menschen mit Hörbeeinträchtigungen sind statistisch gesehen stärker psychisch belastet als gut Hörende. Sie leiden öfter an Depressionen, fühlen sich im Alltag belasteter und Kinder mit Hörminderung können Verhaltensauffälligkeiten entwickeln, welche ebenfalls zu stärkeren psychischen Belastungen führen können. Was können Betroffene tun, um ihr Belastungsempfinden zu senken, und welche Rolle spielen beispielsweise Angehörige, wenn es um die Vermeidung oder Senkung psychischer Belastungen für Hörgeschädigte geht? Darüber haben wir mit Dr. Sarah Neef (Foto rechts) gesprochen. Sie ist Diplom-Psychologin, psychologische Psychotherapeutin mit dem Schwerpunkt Verhaltenstherapie und selbst seit ihrer Geburt gehörlos.

 

Frau Dr. Neef, wie steht es um die Psyche der Hörbeeinträchtigen? Sind im Jahr 2022 Stigmatisierung, Ausgrenzung oder das Ausgeschlossenheitsgefühl von Betroffenen noch aktuelle Themen?

Auch wenn inzwischen viel Aufklärungsarbeit betrieben wurde und dank öffentlicher Ereignisse (z. B. der gehörlose Benjamin Piwko schaffte Platz drei bei „Let’s Dance“) ein größeres Bewusstsein für die Belange Hörbeeinträchtigter vorhanden ist, ist dieses dennoch sehr begrenzt. Die meisten Menschen können das, was sie darüber wissen, auf die Rückseite einer Briefmarke schreiben: ‚Gehörlos zu sein bedeutet, nichts zu hören.‘ Mehr fällt ihnen nicht ein. Und genau hier liegt das eigentliche Problem: Die vielfältigen Erfahrungen, die hörbeeinträchtigte Menschen täglich machen, sind den meisten gut Hörenden nicht bewusst. In meinem Buch beschreibe ich viele solcher Situationen, die zu für den Hörbeeinträchtigten kritischen Erfahrungen werden. Schon allein die Tatsache, bei vielen Ereignissen nicht wirklich dabei sein zu können, verstärkt das Einsamkeitsgefühl. Das wiederum lässt sich nicht einfach so ausgleichen, indem der Hörbeeinträchtigte vermehrt Kontakt mit Gleichbetroffenen hat – eine Familie kann nicht ersetzt werden. Und außerdem gibt es eine vielschichtige Kultur in der Hörgeschädigtenwelt, zu der auch Normen und bestimmte Gepflogenheiten gehören, die nicht immer einfach sind.

 

Was können aus Ihren Erfahrungen in der täglichen Praxis Folgen von Stigmatisierung und Ausgrenzung sein?

Auffallend häufig ist die ‚Posttraumatische Verbitterungsstörung‘ zu finden, da Hörbeeinträchtigte oft enttäuscht sind oder behinderungsbedingt Situationen erlebt haben, mit denen sie nicht fertig werden.

 

In welchen Bereichen sehen Sie derzeit den größten vorhandenen Handlungsbedarf?

Hörbeeinträchtigte müssen aktiver werden, die Holschuld bei Informationen liegt – leider – bei ihnen. Zu wünschen ist auch eine noch größere Offenheit und Inklusion von Hörbeeinträchtigten in der hörenden Welt. Da gut Hörende und Hörbeeinträchtigte schon in der Schule segregiert (getrennt) werden, fehlt das Verständnis füreinander: sowohl dem Hörbeeinträchtigten gegenüber als auch dem gut Hörenden gegenüber.

 

Was raten Sie den betroffenen Menschen mit Hörbeeinträchtigung, wie diese ihre eigene Situation verbessern können?

Ich rate ihnen, sich eine höhere Frustrationstoleranz anzueignen und nicht alles persönlich zu nehmen. Dies gelingt mit dem Aufbau von Akzeptanz und dem Ausbau der eigenen Kreativität: manches kann bzw. muss der Hörbeeinträchtigte selbst lösen. Man darf nicht erwarten, dass das Leben immer fair ist. Manches muss man einfach selbst in die Hand nehmen. Charles Dickens sagte einmal: ‚Selbst die schwerste Tür hat nur einen kleinen Schlüssel nötig.‘ Die eigene Erwartungshaltung an die Gesellschaft (z. B. es müsse doch mehr Verständnis für Hörbeeinträchtigte geben, man müsse diese mehr unterstützen) herunterzuschrauben, kann das Leben ungemein erleichtern.

 

Was raten Sie Außenstehenden wie Angehörigen? Welche Möglichkeiten haben sie, psychische Belastungen Hörbeeinträchtigter zu vermeiden oder zu mindern?

Das größte Geschenk, das Angehörige oder das Umfeld einem Hörbeeinträchtigten geben können, ist Selbstvertrauen. Manchmal darf man auch weg von ‚es ist halt so‘ hin zu ‚zu jedem Problem gibt es eine Lösung‘. Unterstützung bei der Lösungsfindung in dem Sinne, wie der Hörbeeinträchtigte selbst seinen Weg gehen kann. Auch Mitgefühl ist wichtig – nicht zu verwechseln mit unproduktivem Mitleid! –, denn viele Hörbeeinträchtigte leiden unter dem Unverständnis anderer.

 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten in Bezug auf psychische Belastungen von Menschen mit Hörbeeinträchtigungen oder aber auch den Umgang mit diesen, was würden Sie sich wünschen?

Ich würde es mir sehr wünschen, dass die ganze Präventionsarbeit auch Hörbeeinträchtigte erreicht. Ein barrierefreier Zugang zu Vorträgen aller Art, Podcasts in sozialen Medien etc. kann schon viel bewirken. Da ist der Zugang leider noch etwas eingeschränkt, denn die meisten Podcasts kann man nur hören, nicht mit Untertiteln wahrnehmen.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

Nicola Johnsen, Psychologin

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