Mit „Smart Hearing“ (Erscheinungstermin Ende Oktober 2018) legt Katherine Bouton ihr umfassendstes, hilfreichstes, persönlichstes und aktuellstes Werk zum Thema Hörverlust vor. Es ist ein authentisches und grundehrliches Buch, das sich wohltuend von den oftmals völlig überrissenen Versprechungen der Industrie unterscheidet. Katherine lebt mit dieser Technologie und ist glücklich darüber, und doch kennt sie bestens deren akustische wie physikalische Grenzen. Während sie in ihrem Erstlingswerk „Shouting Won’t Help“ (Schreien nützt nichts) 2013 vor allem ihren persönlichen Werdegang schildert, nachdem sie im Alter von 30 Jahren einen Hörverlust erlitten hat und noch heute darüber rätselt, was ihn ausgelöst haben könnte, beschreibt sie in „Living Better with Hearing Loss“ (Besser leben mit Hörverlust) 2015 schon die gesamte Palette von Problemen, mit denen man bei einem Hörverlust konfrontiert wird, und welche möglichen persönlichen wie technischen Lösungsansätze es gibt. Inzwischen hat sich die ehemalige Redakteurin der „New York Times“ zu einer internationalen Expertin auf diesem Gebiet entwickelt. Ihre Kenntnisse haben sich ausgeweitet und sie beschreibt den aktuellen Stand der Forschung auf dem Gebiet der Hörsystemtechnologie. Dies geschieht aber immer auch aus der Perspektive einer Person, die selbst an einem starken Hörverlust leidet, und trotz Hörgerät auf dem einen Ohr und Cochlea-Implantat (CI) auf dem anderen immer noch offen zugibt, wie sie trotz bester Hörtechnologie und trotz des Einsatzes zusätzlicher „Hörhilfsmittel“ in schwierigen akustischen Situationen an ihre Grenzen kommt. Dass sich viele Fragestellungen (bis hin zu Preisangaben) spezifisch auf die Situation in den USA beziehen, schmälert die Bedeutung ihres Buches auch für den europäischen Leser kaum. Die Hörsystemindustrie wird ja weltweit von sechs Firmen dominiert (bald werden es nach einer geplanten Fusion von Sivantos und Widex nur noch fünf sein). Von diesen Firmen befinden sich außer einer US-Firma alle anderen in Europa. Ein besonderes Kränzchen windet die Autorin dem amerikanischen Schwerhörigenverband „Hearing Loss Association of America“, an dessen Jahrestagung sie 2011 zum ersten Mal teilgenommen hat und in dessen Vorstand sie nun gewählt worden ist. Deshalb widmet sie ihr neuestes Buch auch all den vielen Freunden dieser Selbsthilfeorganisation. Bouton stellt zudem aktuelle Studien vor, welche statistisch eine Korrelation zwischen Schwerhörigkeit und Demenz postulieren. Sie mahnt aber zur Vorsicht, daraus einen Kausalzusammenhang abzuleiten, was auch ehrlicherweise niemand von den Forschenden behauptet. Ob Hörsysteme einen Abbau der kognitiven Fähigkeiten tatsächlich bremsen können, ist bis heute in keiner Studie schlüssig nachgewiesen worden. Nur eine französische Studie an CI-Patienten stellte dies fest, wobei Fachleute daran zweifeln, ob die Verbesserung dem CI zu verdanken sei oder vielmehr der Tatsache, dass diese Patienten während eines ganzen Jahres zweimal wöchentlich eine Hörtherapie erhalten haben (siehe „Spektrum Hören“ 3/2016, S. 47-49). Gegenüber Boutons erstem Buch haben ihre Kenntnisse speziell auf dem Gebiet Induktiver Höranlagen (Hearing Loops) enorm zugenommen. Das lag auch daran, dass die Audiologin ihr als erstes Hörgerät eines ohne T-Spule angepasst hat. Inzwischen ist sie vom induktiven Hören überzeugt und nutzt es erfolgreich. Bouton bespricht zudem das Für und Wider der US-Diskussion über sogenannte „Persönliche Schallverstärker“ (PSA), die frei im Handel sind, und noch nicht erhältliche sogenannte „Über-den-Ladentisch“(OTC)-Hörgeräte. Diese sind bereits per Gesetz bewilligt, jedoch hat die Zulassungsbehörde drei Jahre Zeit, um deren genaue Parameter festzulegen. Zudem finden sich in diesem Buch wertvolle Hinweise zu ganz praktischen Problemen. So erwähnt sie etwa ototoxische Medikamente, die rezeptfrei erhältlich sind, aber zu Hörschädigungen führen können (siehe auch http://t1p.de/toxisch). Bei aller Faszination über die sich verbessernde Hörtechnologie betont Bouton zusätzlich die Bedeutung des Mundabsehens (Speech Reading) und der Hörrehabilitation. Wer selbst hörbeeinträchtigt ist oder jemand in der Familie hat, der das Problem bisher verdrängt, wird von diesem Buch genauso profitieren, wie Hörakustiker, Audiologen und Ohrenärzte, die sich ein Bild über den Stand der Forschung machen können. Gegenwärtig gibt es meines Wissens kein so persönliches und hervorragend recherchiertes Buch über Hörbeeinträchtigung; weder im englischsprachigen noch im deutschsprachigen Raum. Schade nur, dass es das Buch noch nicht in deutscher Übersetzung gibt.   Siegfried Karg (ehemaliger Vizepräsident des Europäischen Schwerhörigenverbandes, Winterthur/Schweiz)

Katherine Bouton: Smart Hearing. Strategies, Skills and Resources for Living Better with Hearing Loss. River West Press, New York, 2018, 291 Seiten, E-Book etwa 6,13 Euro, ISBN 978-0-692-16556-0, Paperback etwa 15,99 Euro, ISBN 978-0-692-16498-3

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