Fotos: Christine Blank-Jost, Stefan Heidland

Ein Pantomime-Workshop mit dem berühmten JOMI fand kürzlich auf Schloss Gültstein in Herrenberg statt. Die hörbeeinträchtigten Teilnehmer stellten bei einem Brandalarm unfreiwillig fest, dass die als barrierefrei zertifizierte Unterkunft ihren Bedürfnissen nicht gerecht wird. Stefan Heidland berichtet hier von dem Ereignis. 

Der Cochlea Implantat Verband Baden-Württemberg (CIV BaWü) hat kürzlich einen Pantomime-Workshop in Herrenberg organisiert, und zwar im Schloss Gültstein. Der bekannte Mime Josef Michael Kreuzer, bekannt unter seinem Künstlernamen JOMI, gestaltete dieses Wochenende künstlerisch. Weil die CIV-BaWü-Referentin verhindert war, sprangen der erste Vorsitzende des Landesverbandes der Schwerhörigen und Ertaubten Dr. Werner Jost und seine Frau Christine als Vor-Ort-Betreuer ein. Man sieht: Die Zusammenarbeit beider Verbände funktioniert bestens!

Insgesamt waren 16 Teilnehmer dabei – bis auf zwei Personen alles Cochlea-Implantat(CI)-Träger.

JOMI selbst ist ebenfalls CI-Träger; er wurde gehörlos geboren. Zunächst machte er eine Zahntechnikerausbildung, um kurze Zeit danach von der Pantomime-Schule des weltberühmten Marcel Marceaus aufgenommen zu werden. Drei Jahre harte Ausbildung folgten, bis er sein Pantomime-Diplom bekam.

Um es kurz zu machen: JOMI ließ uns morgens schön springen – Lockerungsübungen nannte er es. Wer da wirklich mitmachte, machte sein Hemd nass. JOMI machte uns klar, was Pantomime bedeutet: hohe Konzentration und volle Körperbeherrschung. Was er uns mit scheinbar leichten und eleganten Bewegungen zeigte, war Arbeit, richtige Arbeit, bis jede Bewegung mit Kopf, Körper, Händen und Füßen saß. JOMI erzählte, dass er bei jeder großen Vorstellung drei Anzüge klatschnass – wie aus der Waschmaschine ohne Trocknung geholt – machte. Weniger wegen den Kraftakten, sondern durch volle Konzentration.

Mir wurde bewusst, wie viel Beweglichkeit im Laufe des Älterwerdens verlorengegangen ist. Da besteht echter Nachholbedarf! Trotzdem: Es hat uns allen Spaß gemacht und wir haben viel dabei gelernt. JOMIs gesellige, freundliche und unkomplizierte Art machte ihn zu einem angenehmen und beliebten Gesprächspartner – alle mochten ihn sehr!

Dennoch kam es zu einem Zwischenfall: Am Sonntagmorgen um 6:00 Uhr herum weckte mich eine Teilnehmerin; ich konnte im Halbdunkel absehen: „Feueralarm – raus!“. Ich ging sofort raus auf den Balkon – nach Feuer sah es nicht aus. So zog ich mich schnell an, packte meine Taschen zusammen und ging hinaus, wo ein Löschzug mit Blaulicht auf uns wartete. Wie ich vermutete, hat ein defekter Sensor überreagiert. Noch einmal gut gegangen.

Trotzdem lief es uns kalt den Rücken runter. Wenn es ernst gewesen wäre … Die Unterkunft war als barrierefrei zertifiziert. Zur Barrierefreiheit gehört eigentlich auch, dass Hörgeminderte rechtzeitig aus den Betten geholt werden müssen. Wenn Hörgeräte und CIs abgelegt werden, können wir alle gar nichts hören und hören keine Alarmsirenen und so weiter. Bei der Erstellung der Kriterien für Barrierefreiheit wurde dieser Umstand schlicht übersehen, auch von den verschiedenen Schwerhörigenverbänden. Daran hat keiner gedacht!

Wie kann ein Hausmeister, das Hotelpersonal und andere wissen und feststellen, in welchen Zimmern hörgeminderte und gehörlose Gäste logieren? Reicht es, wenn jedes Zimmer einen Blitzer hat? Und was ist, wenn der Schläfer die Decke über den Kopf gezogen hat oder den Kopf in die Decke eingekuschelt hat? Da nützt das Blitzen nicht! Die Betten müssten vibrieren. Oder die hörgeminderten Gäste müssen von der Rezeption irgendwie erfasst werden – jeder Gast muss gefragt werden, ob eine Hörminderung vorliegt, so dass ein Vibrator ausgehändigt wird oder im Brandfall gezielt die Gäste aus den Betten geholt werden können. Da besteht aber ein gewaltiger und teurer Nachholbedarf!

Bei jeder Kreuzfahrt oder jedem Flug findet eine Sicherheitsunterweisung statt. Bei jedem Hotelbesuch – geschieht da eine ähnliche Unterweisung? In jedem Hotelzimmer oder Hotelflur hängen Fluchtpläne aus. Werden sie studiert? Dieses Wochenende hat uns in einiger Hinsicht nachdenklich gemacht!       Stefan Heidland

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